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Kulinarisches Sachsen

    Die Waggonfabrik Quack & Salber präsentiert eine Delikatesse der Extraklasse. Im Hintergrund haben wir mit Fa. Hädl monatelang getüftelt um etwas ganz Besonderes möglich zu machen. Mit den bereits ausgelieferten O3 und G3 lassen sich in TT wirklich schöne sächsische Güterzüge um 1900 bilden. Passende Preußen und andere Länderbahnwagen existieren bereits, weitere sind in den nächsten Jahren erwartbar. Jetzt wird es Zeit für Farbtupfer!

    Wir fertigen ein limitiertes Sonderset rund um Nahrungs-Themen aus dem königlichen Sachsen! Drei Wagen beschäftigen sich mit drei unterschiedlichen Aspekten der Versorgung aller Schichten der Bevölkerung. Die Wagen erhalten unglaublich schicke Bedruckungen und Lackierungen. Pro Wagen sind fast 50 Druckgänge erforderlich um die feinen Anschriften verzugfrei aufs Modell zu bekommen. Das macht irrsinnig viel Arbeit, aber nachdem wir lange genug verträumt auf die Entwürfe gestarrt haben wollten wir einfach nicht darauf verzichten.

    Bierkühlwagen der Dreggscher Brauerei Finsterbräu

    Unser erster Bierkühlwagen kommt in einem helleren Grauton als die bisherigen Sachsen daher. Damit fügt er sich wunderbar in die bestehenden Züge ein und sticht dennoch heraus. Der isolierte Wagenkasten mit Doppeltüren bietet beste Voraussetzungen für den Biertransport. Als Besonderheit haben wir extra formneue Eisluken angefertigt, welche das Dach zieren werden! Kühlwagen waren Privatwagen und wurden überall bestellt, daher bekommt dieses Exemplar ein Spitzdach-Bremserhaus und – darauf sind wir besonders stolz – ein Fachwerk-Fahrwerk! Das Kunststück dahinter ist gewaltig. Mittels eigens angefertigter Bohrschablonen muss jedes einzelne Fahrwerk manuell angepasst werden. Außerdem hat Fa. Hädl. die Spritzgussform modifiziert und ein neues Kopfstück angefertigt, um das hohe Bremserhaus hier einsetzen zu können! Speichenräder, Stangenpuffer und erneut farbige Langträger mit schattierten Anschriften treten da fast schon in den Hintergrund. Der wahrscheinlich schönste Königlich-Sächsische Sufflieferant aller Modellbahnzeiten. Prost!

    Colonialwarenwagen M. v. Raffgier, Leipzig

    Der Colonialwarenwagen dieser angesehenen Leipziger Handels- und Importgesellschaft ist eigentlich ein ungebremster sächsischer G3. Vermietet an besagtes Unternehmen fährt er in einer wahnsinnig schicken Bedruckung werbewirksam durch die Lande. In ihm gelangen von den verschiedensten Umschlagplätzen luxuriöse und exotische Delikatessen direkt an die (damals) beste Adresse der Leipziger Innenstadt. Die Handlung von Raffgier, schmunzelnder Versorger einer abgehobenen Oberschicht, sieht sich als das erste Haus am Platz. Selbst der normale Bürger kommt nicht umhin, hier zu besonderen Anlässen ein paar Groschen zu lassen. De Gaffeesachsn haben ihren Ruf nicht von ungefähr – und hier gibt es den besten Gewürz-Coffee der Stadt!

    Aufgrund der zahlreichen fest installierten Regale und Staumöglichkeiten sowie des damit typischer Weise einhergehenden Ladegewichts wurde der Wagen während seiner Vermietung auf tarifliche 10t eingestuft und gehört somit temporär zur Gattung G2. Die G3-Wagennummer hat er jedoch behalten! Als weitere Besonderheit verfügt der Wagen über Scheibenräder – damals waren diese noch aus Guss und eine Neuheit, welche man erst vorsichtig erprobte. Ein solcher Einzelgänger war dafür gar ideal. Außerdem hat man den Wagen mit verstärkten Achsen sächsischer Bauform ausgerüstet anstatt der zunehmend üblichen Vereinslenkachsen. Ob’s was gebracht hat?

    Obst- und Gemüsetransportwagen der Konservenfabrik R. Matschke & Sohn

    Dieser Wagen ist eine Spezialanfertigung der Dreggscher Waggonfabrik Quack & Salber. Die Herstellung von Konserven nahm im 19. Jahrhundert einen grandiosen Aufschwung – und revolutionierte die Lebensmittelversorgung, war damit doch eine großindustrielle Haltbarmachung von Nahrungsmitteln über lange Zeiträume möglich.

    Die Fabrik R. Matschke bezog Obst und Gemüse aus weiten Teilen des Königreichs. Damit der Name nicht Programm wurde waren schnelle und schonende Transporte der Rohware unerlässlich. Der Wagen basiert konstruktiv auf dem G3, erhielt aber ein tiefes Bremserhaus, damit beim häufigen Rangieren schnell ein Bremser auf- und absteigen konnte. Die Spindelbremsung war auch beim Verschub mittels Hand, Drahtseil oder Pferd allemal schonender als der übliche Weg per Holzknüppel an den Rädern. Der breite Auftritt unter der Tür erleichterte das Beladen an ländlichen Stationen, wo oft nur ein ebenerdiges Ladegleis ohne Rampe zur Verfügung stand. Dank mehrerer Dachlüfter konnte das Wageninnere besonders gut durchlüftet werden, was den schnellen Verderb des Obstes durch seine eigenen Reifegase verminderte. Aber am Ende ging nichts über Geschwindigkeit – der Wagen erhielt daher die (derzeit vermutete) dunkelgrüne Farbgebung der Eilzugwagen um auch in schnellen Personenzügen mitlaufen zu können.

    Der G3-Wagenkasten mit tiefem Bremserhaus wird erstmalig so gebaut! Auch die Lüfteraufsätze gab es hier noch nie. Natürlich darf auch der farbige Langträger erneut nicht fehlen, und da wir schon im Luxus schwelgen haben wir uns entschieden für diesen Wagen das Fachwerk-Fahrwerk sogar noch ein weiteres mal anzupassen! So ein kleines Bremserhaus macht große Arbeit, wenn man Teile zusammenbringen will, die nie dafür vorgesehen waren 😉 Die Stangenpuffer und Speichenräder erscheinen da fast schon nebensächlich, tragen aber zum wirklich edlen Erscheinungsbild ihren Teil mit bei.

    …aber das Vorbild?

    Gibt’s nur so halb. Gedeckte Güterwagen wurden damals kaum (gar nicht?) privat beschafft – es war schlichtweg günstiger, diese für jeden einzelnen Transportauftrag von den K.Sächs.Sts.E.B. zu mieten. Entsprechend konnten wir auch keinen einzigen Beleg finden, dass diese je mit Werbung versehen wurden. Die Geschichte über die Sonderausstattung unserer Wagen gibt uns die willkommene Ausrede, um diese wirklich schönen Wagenformen in ansprechender Bedruckung umsetzen zu können.

    Der Colonialwarenwagen soll Leipzigs Ruf als Handelsort besonderer Güter ein Denkmal setzen. Relikte dieser einstigen Kultur der Hochgenüsse sind im Stadtbild bis heute erhalten – man muss sie nur finden! Selbst die Eigentümerin Fräulein von Raffgier hat eine ganz reale Vorlage. Die wahre Geschichte dahinter gibt’s für Interessierte bei einem Schälchen Heeßen…

    Die Konservenfabrik R. Matschke & Sohn mussten wir zwar selbst auf die Karte malen, an Nahrungsindustrie mangelte es Dresden jedoch nicht! Zahllose Betriebe säumten die wuchernde Residenzstadt und vernebelten den Talkessel.

    Die Brauerei Finsterbräu existiert wirklich! Sie steht gleich neben anderen Versatzstücken aus Dreggsch – in unserer Werkstatt, in der tagtäglich feine Ideen für noch feinere Modelle entstehen. In echter Handarbeit brauen wir hier ab und an das Zeug, welches zu Ideen wie diesem Sonderset führt. Name und Logo sind älter als unsere Waggonfabrik, daher war es an der Zeit, der DB ein Schnippchen zu schlagen und unseren Gleisanschluss zumindest im Modell selbst herzustellen.
    Beschriftete Bierkühlwagen gab es im alten Sachsen zuhauf – die einschlägigen Großserienhersteller haben inzwischen gefühlt jede nur denkbare Vorlage abgegrast, egal wie weit entfernt die eigene Form vom Vorbildfoto war. Wir wollten daher nicht einfach den zighundertsten Bierwagen auflegen, sondern etwas wirklich Neues schaffen! Ein sehr helles Grau, das ungewöhnliche Fahrwerk sowie die vielen filigranen Zurüstteile und Formanpassungen lassen den Finsterbräu-Wagen selbst aus einem kompletten Bierwagenzug positiv hervorstechen. Und wir freuen uns, dass wir die Plörre endlich nicht mehr alleine trinken müssen…. 🙂

    Die Entscheidung zugunsten fiktiver Firmen fiel erst nach langer Recherche. In vielen Fällen geeigneter realer Namen war die Rechtslage um Logos und Nachfolgebetriebe nicht eindeutig ermittelbar. Mitunter passte das Produktsortiment nicht, andernfalls waren die Logos nicht gut auf Modelle druckbar oder die Jahre von Gründung und Umbenennung machten uns einen Strich durch die Rechnung. Die Nutzung fiktiver Firmen hinter den Wagen ermöglicht stattdessen ein klein wenig Humor in einer oft ernsthaften Modellwelt und gibt uns die gestalterische Freiheit aus den Formen etwas ganz Besonderes herauszuholen.

    Und das Beste: Während dieser Forschungen haben wir gleich mehrere wunderbare reale Vorbilder für andere Wagen gefunden, welche es in TT noch niemals gab! Vielleicht werden wir eines Tages etwas davon umsetzen?

    Vielen Dank an iwii für die Bereitstellung des Titelbildes für diesen Beitrag. Auf www.iwii.de präsentiert er seine TT-Anlage sowie entsprechende Modelle in Epoche I und II.

    Wer nicht wirbt, stirbt. Damals wie heute.
    • Set-Artikelnummer: Hädl 0115921